Was schenken?

Ich liebe es Geschenke auszupacken. Noch mehr liebe ich es, welche einzupacken. Ich stelle mir dann vor, wie die beschenkte Person reagieren wird, wie sie überrascht sein wird, wie sie Freude ausstrahlen wird. Die Freude fühle ich dann ganz warm in meinem Herzen.

Kennst du jemand, der einen spannenden Krimi über alles schätzt? Dann würde diese Person einen weiteren Krimi bestimmt schätzen. Hier mein Geschenktipp für dich im Video.

Nützliche Geschenke

Einer meiner fünf Brüder dachte lange darüber nach, was er unserer Mama schenken könnte. Das Geschenk durfte auf keinen Fall viel kosten. Er wollte sein Taschengeld sparen. Für wichtigere Dinge. Mama hatte doch schon alles.

die Idee

Da hatte er auf einmal eine Idee, was er ihr schenken könnte. Etwas, das nützlich und billig war. Heimlich kaufte er es im Supermarkt nebenan. Dort fand er auch gleich in einer Ecke Geschenkpapier und eine leere Schachtel. Als er fertig war, sah das Geschenk ganz ordentlich aus. Er war stolz auf sich.

Wie jeden Weihnachtsabend sassen wir nach dem Festessen im Wohnzimmer, wo der geschmückte Tannenbaum bis an die Decke reichte und die aufgestapelten Geschenke die Erfüllung kühnster Träume versprach. Wer würde welche Geschenke bekommen? Wer mehr als der andere beschenkt werden?

Als Mama das Geschenk meines Bruders öffnete, blieb ihr zunächst vor Überraschung der Mund offen stehen, doch dann lächelte sie nur ein zartes Lächeln, anstatt meinen Bruder für sein Geschenk auszulachen. Fürs Auslachen hätten wir Geschwister danach bestimmt gesorgt, wenn nicht Mama uns mit einer Geste Stillschweigen geboten hätte.

der Kartoffelschäler

Er hatte ihr einen Kartoffelschäler geschenkt, weil sie so wunderbar kochte und er seit langem hoffte, seine Magerkeit überwinden zu können. Dann würden ihn seine Kollegen nicht immer hänseln, er sei ein schmächtiger „Strich in der Landschaft“ .

Ist die Geschichte wahr?

Ja, ich habe wirklich fünf Brüder? Und eine Schwester.

Mein zweitjüngster Bruder hat unserer Mama wirklich als Kind einen Kartoffelschäler zu Weihnachten geschenkt.

55 Jahre Aktenzeichen XY … ungelöst

 

Zu diesem Thema stehen zwei Möglichkeiten zu deiner Verfügung. Du kannst den Text selber lesen (siehe unten) oder du lässt ihn dir von mir im nachfolgenden Video vorlesen. Oder beides. Du hast die Wahl.

nachts im Bett

Ich lag im Kinderzimmer, als ich plötzlich aus dem Schlaf gerissen wurde. Mit einem Ruck setzte ich mich im Bett auf. Ich hatte einen furchtbaren Schrei gehört. Da, noch einmal ein Schrei, der durch die Schlafzimmertür drang! Etwas Grauenvolles musste drüben im Wohnzimmer vor sich gehen, wo meine Eltern vor dem Fernseher sassen. Leise schlüpfte ich aus dem Bett und schlich zur Tür.

Der Fussboden war kalt, das Metall der Türklinge ebenso. Nur der Ton des Fernsehens drang blechern bis zu mir. Ich löste das Ohr von der Tür. Leise öffnete ich die Tür. Die Schreie waren eindeutig aus dem Wohnzimmer gekommen. Ich musste unbedingt dorthin.

ich hatte Angst

Lautlos schlich ich in diese Richtung, liess die Türen zum Flur dennoch nicht aus den Augen. Nichts. Wieder hörte ich, wie meine Mutter einen Schrei ausstieß, diesmal leiser. Endlich sah ich sie. Sie schien in Ordnung zu sein, Papa auch. Aber weshalb hatte Mama geschrien?

Bevor ich das nicht wusste, wollte ich sie nicht auf mich aufmerksam machen. Ich versteckte mich hinter der breiten Armlehne des Sofas, auf dem meine Eltern sassen und gebannt eine Sendung anschauten. Erst jetzt wagte ich es, zum Fernseher hinzublicken.

der Würger

Dort würgte ein dunkler Mann in einer dunklen Ecke eines Zimmers eine Frau zu Tode. Die Frau rang nach Luft, röchelte hilflos und blieb bald einmal schlaff am Boden liegen.

Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Wie magisch wurden meine Augen von der Glotze angezogen. Der Anblick war so furchtbar, dass ich es kaum fassen konnte. Ich schlug die Hand vor den Mund und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass meine Eltern mich nicht gehört hatten. Der Anblick der toten Frau grub sich tief in mein Bewusstsein.

Eduard Zimmermann

Die Szene wurde ausgeblendet und das Gesicht eines ernsten Mannes mit Ratsherrenecken blickte streng aus der Röhre, als ob ich daran schuld wäre, dass die Frau jetzt tot war. Sein Gesicht und seine Stimme lösten in mir Angst aus.

Ratschläge

Er ermahnte die Zuschauer, was man beachten sollte, um auf keinen Fall Opfer eines Verbrechens zu werden. Was er sagte, empfand ich als Zumutung. Wir Frauen, und als solche fühlte ich mich schon damals als Kind, wir Frauen würden die Männer zu Verbrechen verleiten, wenn wir zu kurz Röcke trügen oder uns schminken würden. Nachts allein unterwegs zu sein, bedeute, dass man sich als Wild für Verbrecher darbiete.

Meine Eltern merkten nicht, dass ich heimlich mitschaute. Doch plötzlich blickte meine Mutter in meine Richtung und beendete mein Versteckspiel. Ich schluckte leer, senkte schuldbewusst den Kopf und verließ schmollend das Wohnzimmer. Warum war ich noch nicht alt genug, diese neue spannende Sendung zu sehen? Sobald die Luft rein war, würde ich wieder ins Wohnzimmer schleichen, um mehr von der Sendung sehen zu können.

ein unvergesslicher Fernsehabend

Dieser Abend blieb mir in Erinnerung. Es war 1967. Eduard Zimmermann lancierte eine der erfolgreichsten Sendungen im deutschen Fernsehen. Mit dem gemütlichen Fernsehabend war es vorbei. Am Freitag, 20. Oktober, wurde im ZDF um 20 Uhr zum ersten Mal «Aktenzeichen XY ungelöst» über den Äther gesendet. Von da an schliefen die Leute schlechter als vorher.

die unheimliche Sendung

Einmal im Monat kam sie. Die unheimliche Sendung. Unfassbare Gräuel sollten von ihr ausgehen. Frauen flüsterten einander zu, dass sie «Aktenzeichen XY … ungelöst» niemals alleine schauen könnten, es sei schlicht unmöglich, sie würden sich danach nie mehr allein aus dem Haus wagen.  Eduard Zimmermann sagte in seiner Sendung, er wolle den Bildschirm für die Verbrechensbekämpfung einsetzen, das sei der Sinn seiner neuen Sendung.

wahre Verbrechen – true crime

Er liess wahre, ungelöste Verbrechensfälle von Schauspielerinnen und Schauspielern nachspielen, kein Detail ging dabei vergessen: Bilder von echten Leichen und möglichen Tätern wurden gezeigt. Das TV-Publikum wurde zur Mithilfe aufgefordert und konnte in der Sendung anrufen, für den richtigen Tipp gab es eine Belohnung.

Die meisten von uns durften die Sendung gar nicht schauen, weil wir zu jung waren. Trotzdem kennen wir die Sendung alle.

Eduard Zimmermanns Frauenbild

Bereits nach der ersten Sendung wurde ein Betrüger gefasst. Doch der Betrüger war bloß der Nebenfall. Der Hauptfall war eine Frauenleiche, die von einem rechtschaffenen Dorfbewohner im Wald gefunden wurde. Sie war jung, hübsch und extravagant gekleidet, der Prototyp des Zimmermannschen Opfers: vermutlich selbstbewusst, vermutlich auf dem Weg zu einem Vergnügen. Für Zimmermann gab es die braven Bürger mit ihren Familien, ihnen gegenüber standen die Verbrecher. Sie kamen nie aus den Familien. Gerade im Fall der Sittlichkeitsverbrechen entspricht dies jedoch nicht den kriminalstatistischen Tatsachen. Auch im Fall der ersten Toten von «Aktenzeichen XY» war der Mörder der Verlobte. Er stellte sich zwei Jahre später der Polizei.

55 Jahre

Eduard Zimmermann ging 1997, nach 30 Jahren, in Rente. Bis heute sind über 600 Folgen ausgestrahlt worden. Von 4952 vorgestellten Fällen (davon 467 aus der Schweiz) konnten 1483 gelöst werden. Seine Sendung war weltweit das erste True-Crime-Format, das es gab.

Die Sendung gibt es seit fünfundfünfzig Jahren.

 

In Memoriam of Schampi

Betroffen betrachtete ich das Bild auf der Frontseite des Walliser Boten vom 4. November. Ein Kämpfer für die Kultur habe die Bühne verlassen. Auf Seite elf (siehe unten) dann der Nachruf von Nathalie Benelli, der stellvertretenden Chefredaktorin. Jean-Pierre D’Alpaos sei still gegangen, er sei ein Kulturkämpfer der besonderen Art gewesen, ein «sanfter, pazifistischer Anarchist und Atheist.»

Jean-Pierre D’Alpaos war in Brig-Glis und auch über die Kantonsgrenzen hinaus eine bekannte Persönlichkeit. Er war ein Musikbegeisterter, Filmkenner und Literaturliebhaber. Jean-Pierre war sein Leben lang ein Kulturkämpfer. Seiner Ansicht nach hatte Che Guevara Heldentaten erbracht. „Nur über Kultur werden wir Frieden erreichen“, sagte er immer wieder.

Der Kulturkämpfer ist nicht mehr

Beim Lesen erwachen in mir Erinnerungen, die ich mit Jean-Pierre, «Schampi» wie ihn alle nannten, verbinde. In seinem «Plattuladu» kaufte ich so manche CD.  Durch seine Empfehlungen lernte ich manche Musikgruppe kennen. In seinem Plattuladu kaufte ich so manche CD. Er brachte so manche grosse Namen auf die Konzertbühne in Brig-Glis.

Musik, Literatur, Theater – das war sein Leben

Er engagierte sich im Kellertheater, im Filmkreis Oberwallis und vielen anderen Kultureinrichtungen. Für so manches musikalisches Talent organisierte er Auftrittsmöglichkeiten.

Interview

Am 18. Juni 2021 habe ich zuletzt mit ihm länger gesprochen. Ich hatte ihn für ein Interview angefragt. Er war bereit, sich von mir interviewen zu lassen und gab mir seine Visitenkarte, auf der ich unsern Termin notierte:

Die Karte sah toll aus. Das Bild auf der Vorderseite: Dunkler Hut, dunkler Anzug, am Hals offenes weisses Hemd. Unter dem Hut sah man nur seinen überlangen Schnauz, der die Lippen verbarg, und die Nasenspitze. Das Gesicht im Dunkeln.

Thema: Film versus Buch

Wir trafen uns im Restaurant Conti in Brig. Im Bistroteil, wo die Leute für die nächste Vorstellung im «Kino Capitol» anstehen, sassen wir uns gegenüber.

Hier fand das Interview mit Jean-Pierre am 31. Mai 2019 statt.

Ich filmte mit meinem Handy für für meinen Blog zum Thema «Was unterscheidet einen Kriminalfilm von einem Kriminalroman

Schon nach den ersten Sätzen merkte ich, wie profund sich Schampi in der Materie auskannte. Seine Antworten gebe ich ihm zu Ehren hier in einem Video noch einmal wieder.

Hier der Nachruf auf Jean-Pierre D’Alpaos im Walliser Boten:

Seite 11 im Walliser Boten vom 4. November