Mordfall im Goms

Ihr Stil liest sich leicht. Die Geschichten, die sie schreibt, berühren mich. Nathalie Benelli ist eine Klasse für sich in der Redaktion des Walliser Boten, unserer einzigen Lokalzeitung. Als stellvertretende Chefredaktorin schultert sie jeden Tag viel Arbeit, damit die Zeitung attraktiv ist.

Quelle: RRO

Ausserdem

Wenn ich in der Kolumne «Ausserdem» des Walliser Boten sehe, dass ihr Lockenkopf mit dem zauberhaften Lächeln unterhalb des Textes zu finden ist, bin ich sicher, dass ich nach der Lektüre ein Schmunzeln nicht unterdrücken kann. Eine willkommene Prise Heiterkeit vor dem Sportteil.

Interview

Das Interview mit Frau Benelli war äusserst interessant. Ich merkte gleich, wie stark Presseleute zeitlich unter Druck stehen. Die Tagesaktualität bringt die Pläne oft durcheinander. Hut ab für die Leute, die es tagtäglich schaffen, eine tolle Zeitung herauszubringen!

Aus dem Walliser Boten:

Über mich

Ich rede nicht gerne über mich. Lieber höre ich anderen zu, was sie erzählen. Aber als Autorin habe ich gelernt, genau das zu tun: Über das, was ich tue, zu reden, auch vor der Kameralinse meines Handys. Im Video erfährst du, was mich am Genre Kriminalroman fasziniert, und um was sich meine drei Krimis drehen.

Laufzeit: 5:40

Tatort Goms 1

Mein neuer Kriminalroman spielt an verschiedenen Schauplätzen im Goms, von Fiesch aufwärts bis nach Ulrichen. Das hat einen Grund: Ich habe einen grossen Bezug zu diesem sonnenverwöhnten Hochtal.

Für mich ist wichtig, dass meine Krimis an Orten stattfinden, die es gibt, über die ich Bescheid weiß. Die Schauplätze kenne ich zwar, aber kenne ich sie so gut, dass ich über ein Verbrechen schreiben kann, dass dort passieren könnte? Ohne Recherche geht es trotzdem nicht.

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https://brigitta-winkelried.com/wp-content/uploads/2021/09/Tatort-Goms-1.wav

Reckingen

Meine Kindheit verbrachte ich in Reckingen. Wir wohnten bis 1970 auf der Anhöhe – auf der «Hehji» – zwischen Reckingen und Gluringen direkt beim Bach, der aus dem Bächital herabfliesst.

Mein Bruder Franz und ich im Auto meines Patenonkels. Im Hintergrund die Gebäude, die die Lawine weggerissen hat.

Fünf nach fünf blieb die Zeit stehen

Der Weisse Tod kam in Reckingen in der Nacht auf den 24. Februar 1970, frühmorgens. Um fünf Minuten nach fünf erfasste eine gewaltige Staublawine aus dem Bächital den westlichen Teil des Dorfes und begrub 48 Menschen in sechs Wohnhäusern unter sich. 19 Verschüttete konnten in anderthalb Stunden lebend geborgen werden.

Mein Bruder Franz und ich. Im Hintergrund die Offiziersmesse, die von der Lawine mitgerissen wurde.

Wie durch ein Wunder blieb unser Haus unversehrt, abgesehen von den Sachschäden. Um das Dorf in Zukunft besser zu schützen, wurde ein Schutzdamm gebaut. Künftige Lawinen hätten direkt unser Haus getroffen. Unser Wohnhaus mit Werkstatt musste weichen. Es steht heute in Fiesch.

Im Hintergrund sieht man den Lawinenkegel. Den Skilift gibt es nicht mehr.
1. Kommunion in Reckingen. Links: Regina, die die Lawine nicht überlebt hat. Neben mir Eugen, der mehr Glück hatte.

Münster

Seit über fünfzehn Jahren sind wir regelmässig in Münster. Wir geniessen die saubere Luft, die kühlen Nächte im Sommer, und die vielen Sportmöglichkeiten, nicht zuletzt die schneesicheren Loipen im Winter.

Inspiration

Das Goms ist für mich Inspiration: Im Sommer 2018 blitzte in meinem Kopf die Idee zu einem neuen Krimi auf. Ich war am Joggen entlang des ehemaligen Militärflugplatzes und ich fragte mich: Was wäre, wenn hier eine Explosion eine junge Frau in den Tod reissen würde? Ein Mord im friedlichen Goms! 

Zwei Jahre später

Wenn du das Gefühl hast, das sei ein bisschen seltsam, was ich mir in meinem dritten Krimi «Die Vergeltung des Engels» ausgedacht habe, denke daran, dass die Sachen, die in meinem Buch vorkommen, möglich wären. Wenn ich bei der Realität geblieben wäre, hätte ich einen Kapellenführer mit dem Titel «Sakrallandschaft Goms» geschrieben oder so was ähnliches.

Video mit Aufnahmen meines Vaters

In meinem Video zu diesem Blogbeitrag sind Ausschnitte von Filmaufnahmen zu sehen, die mein Vater nach der Lawine gemacht hat. Er ist 1997 viel zu früh, mit 72 Jahren, gestorben.

Video zum Beitrag

Laufzeit: 6:50

Literatur oder Schund?


Das Interview mit einer Autorin, die Genusskrimis schreibt, hat mich auf die Idee zu diesem Blogbeitrag gebracht. Wer die besagte Dame ist, erfährst du gleich im Videobeitrag und am Schluss dieser Zeilen.

Video zum Beitrag

Laufzeit: 5:17

Die Schönheit der Sprache


Kriminalromane galten bei anspruchsvollen Lesern lange Zeit als suspekt. Den Krimis fehle die Schönheit oder Kraft der Sprache. Sie verstricken den Leser in ein Rätsel, zwingen ihn, permanent logisch mitzudenken. Das lenkt den Leser von der tiefgründigen Sprache ab.

Der erste Krimi


Es nicht eindeutig klar, wer den ersten Krimi geschrieben hat. Ein Anwärter dafür ist Edgar Allan Poes Kurzgeschichte «Der Doppelmord in der Rue Morge» von 1841. Mein erster Krimi, den ich gelesen habe, war «Der Richter und sein Henker» von Friedrich Dürrenmatt. Ich erinnere mich, weshalb ich ihn gekauft habe: Weil ein Deutschlehrer schwer krank wurde, musste ich kurzfristig für ihn einspringen. Doch was sollte ich, die ich Wirtschaftsfächer unterrichtete, mit den gelangweilten Schülerinnen und Schüler im Fach Deutsch außer Grammatik anfangen?

Ein Comic als Zugang zu Literatur


Damals, 1996, kam ein Comic zum Krimi von Dürrenmatt heraus. Das brachte mich auf die Idee, mit den Lernenden den Roman von Dürrenmatt zuerst als Comic und danach als Taschenbuch zu lesen. Sie waren alle bald Feuer und Flamme. Als ein Ersatz für den erkranken Lehrer gefunden wurde, gab ich die Deutschstunden wieder ab. Ich weiß nicht, ob die Lernenden nachher weiterhin gute Literatur gelesen haben.

Keiner wie der andere?


Das Grundkonzept ist seit dem Erscheinen der ersten Krimis im 19. Jahrhundert das Gleiche: Ein Mord ist geschehen und die Frage lautet «Wer hat es getan und warum?».

Bis heute wussten unzählige Autoren, das Rätsel um einen Mord immer wieder neu und spannend zu gestalten. Die große Zahl von Krimifans beweist, dass diese Art Literatur noch lange nicht am Ende ist.

Agatha Christie


Sie ist der absolute Star unter allen Krimiautoren. 66 Romane schrieb sie zwischen 1920 und 1973. Schätzungsweise soll sie weltweit über mehr als zwei Milliarden Bücher verkauft haben. Ihre Figur der schrulligen Miss Marple oder des Detektivs Hercule Poirot sind berühmt.

Und die Schweiz?

Quelle: NZZ


Friedrich Dürrenmatt zum Beispiel hat literarisch anspruchsvolle Kriminalromane geschrieben.
Bekannt wurde er mit «Der Richter und sein Henker», «Der Verdacht» oder «das Versprechen». Stellenweise mehrere Seiten lange, verschachtelte Sätze und philosophische Abhandlungen fordern die volle Konzentration beim Leser. Das ist nicht jedermanns Sache.

Heftkrimis


Viele halten Heftkrimis für Trivialliteratur. Sie seien banal, zu seicht, zu brutal. Die Auflagenzahlen der Groschenromane sind trotzdem beeindruckend. Dass man über Heftkrimis die Nase rümpft, ist Ausdruck einer Wertvorstellung, die Krimis in «gute» oder eben «schlechte» einteilt. Meiner Meinung nach, ist es wichtiger, dass Bücher oder Hefte überhaupt gelesen werden, als wenn sie zwar gekauft werden, aber dann ungelesen im Regal Staub einstauben.

Krimipreis


Dass Kriminalromane Literatur sind wie andere Romane auch, beweist der Schweizerische Krimipreis, der 2021 zum ersten Mal verliehen wird. Er steht Autorinnen und Autoren in allen Landessprachen offen. Am Samstag, 18.9.2021 wird er in Grenchen anlässlich des ersten Schweizer Krimifestivals der Schweizer Krimipreis verliehen.

https://schweizer-krimipreis.ch/

Mordmotive

Jetzt halt dich – geborgen in der Sicherheit deines Sessels – fest! 

Ein amerikanischer Evolutionspsychologe will folgendes herausgefunden haben: 91 Prozent der Männer und 84 Prozent der Frauen haben sich mindestens einmal im Leben plastisch vorgestellt, einen störenden Mitmenschen umzubringen! Vielleicht haben die sich sogar ausgemalt, auf welche Weise sie das machen würden.

Video zum Beitrag

Laufzeit: 6:56

Ob erschlagen, erdrosselt, erstochen oder vergiftet – welche Motive verleiten Menschen zum Mord? Ich beschränke mich hier auf drei:

Neid

Im biblischen Paradies ging es langweilig zu, bis die Schlange Eva verführte. Es war die Schlange, die das Böse in den Garten Eden trug und die Menschheitsgeschichte in Gang setzte. Deshalb kam es zum ersten Mord. Kain, der Ackerbauer, erschlug Abel, den Hirten, – aus Neid. Gott hatte dessen Opfer vorgezogen. Laut Bibel war Kain der erste Mörder, nachdem die Menschen aus dem Paradies vertrieben worden sind. Das Gefühl, das besitzen zu wollen, was andere bereits haben, ist ein klassisches Mordmotiv.

In meinem zweiten Krimi «Der Tote im Wolfspelz» ist Neid das Tatmotiv für den ersten Mord, verbunden mit dem Streben nach Geld, Macht und Einfluss.

Rachsucht

In meinem dritten Krimi «Die Vergeltung des Engels», der im November erscheinen wird, geht es um Rache. In den griechischen Sagen fallen viele Figuren der Rache zum Opfer. Achilles zum Beispiel rächt sich während des Trojanischen Krieges an Hektor, dem ältesten Sohn des Königs von Troja. Nach seinem Sieg schleift er ihn sieben Mal um die Stadtmauern.

Eifersucht

Die Liebe kann grausam sein. Othello erschlägt seine Frau Desdemona in rasender, aber ungerechtfertigterer Eifersucht.

Das Motiv für einen Mord herauszufinden, ist ein wichtiger Teil der Ermittlungsarbeit, um den Täter ausfindig zu machen.  

Wie wird der Täter ermittelt?

Die Ermittlungen bzw. die spätere Beweisführung laufen wie folgt ab: Wer hat Was, Wann, Wie, Warum und Womit getan?

Mit der realen Ermittlungsarbeit kann man das, was in Filmen und Büchern präsentiert wird, nicht vergleichen. Es wäre alles andere als spannend. Viel mehr Figuren wären nötig. Die meiste Zeit würden die Fahnder im Büro sitzen und die Ermittlungen würden viel länger dauern als für die Sendezeit oder für die Seiten eines Buches zur Verfügung steht.

Interview

Im Video werden die Mordmotive und weitere Themen angesprochen. Im Interview gaben mir die Krimiautorinnen Christine Bonvin und Regine Frei Antwort auf meine Fragen. Ihnen danke ich herzlich.

Du sollst nicht morden!

Mord ist eine schlimme Straftat. Das vorsätzliche Töten eines anderen Menschen aus niedrigen Beweggründen ist eine heimtückische, grausame Tat. Das steht ausser Zweifel.

Als Krimiautorin befasse ich mit zwangsläufig mit der Frage, auf welche Art jemand umgebracht werden kann, denn in einem Krimi ist bei einem Mordfall stets die Todesart von Interesse. Wie kommen die Opfer ums Leben?

Was ich jetzt schreibe, mag brutal erscheinen. Wem davor graust, liest besser nicht weiter, dürfte aber auch keinen Krimi mehr schauen oder lesen.

Video zum Beitrag

Laufzeit 4:10

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, jemanden ins Jenseits zu befördern. Einfach ist es nicht. Ich könnte es auf jeden Fall nie und nimmer.

Peng!

Das Opfer greift sich ans Herz, fällt tödlich verletzt rückwärts zu Boden, eine Blutlache breitet sich aus. Womit wurde geschossen? Pistole, Gewehr, Schrotflinte? Die Spuren in der Umgebung und an der Leiche werden gesichert. Die Form der Wunde verrät dem Rechtsmediziner, aus welcher Entfernung der Mörder den Schuss abgegeben hat.

Wamm! Stumpfe Gewalt

Der Täter haut dem Opfer eins über den Schädel. Knochen brechen, Blutgefässe platzen. Besonders empfindlich reagiert das Gehirn auf diese Form der Gewalt: Bewusstseinstrübungen, Hirnprellung – ein Zustand, der nachweisbare Schädigungen des Gehirns umfasst und mit manchmal längerer Bewusstlosigkeit verknüpft ist. Oder noch schwerer: ein Schädelhirntrauma. Das führt unweigerlich zum Hirntod.

Tsschh! Scharfe Gewalt

Klingen führen zu Stichverletzungen oder/ und Schnittverletzungen. In jeder Küche hat es genügend Messer, die zur Verfügung stehen. Stichverletzungen deuten meist auf einen Angriff hin. Wer Suizid begeht, schneidet sich zwar ins eigene Fleisch, sticht aber nicht zu.

Zisch! Der Stromtod

Axt oder Beil, der Stromtod in der Badewanne (Föhn) das ist ein geradezu klassisches Krimi-Motiv. Ob der Föhn zufällig ins Wasser gefallen ist oder hineingeworfen wurde? Und wenn ja, von wem? Selbsttötung oder Mord?

Ein weiteres Beispiel: In manchen Actionfilmen kann man sehen, wie der Held den Bösewicht besiegt, indem er ihm zwei Stromkabel auf den Leib presst.

Brr! Der Kältetod

Die schwere Eisentür schliesst sich. Der Mann ist in der Kühlkammer gefangen, isoliert von der Aussenwelt, ohne Handy-Empfang. Wenn der Mörder sich vorsieht, hinterlässt er keine Spuren an der Tür der Kältekammer. Der Erste, der etwas in der Kältekammer holen will, findet nur noch einen leblosen Körper.

Pfff! Feuertod

Ein anonymer Anrufer meldet der Polizei eine Explosion. Die Feuerwehr, zum Löschen eines Holzdepots einer Schreinerei gerufen, findet im Schutt des Gebäudes Überreste eines menschlichen Körpers. Hat das Opfer beim Einsetzen des Brandes noch gelebt, war also das Feuer die Todesursache? Ist der Brand durch einen Unfall entstanden? Oder war der Mensch schon tot, bevor er verbrannte? Liegt womöglich ein Gewaltverbrechen vor, das das Feuer vertuschen sollte?

Chhh! Ersticken

Der habgierige Enkel drückt der reichen Oma im Schlaf das Kissen auf das Gesicht. Der Oma geht der Sauerstoff aus, ihr Gehirn fällt aus.

…! Gift

Der Mann verdreht theatralisch die Augen, zuckt krampfhaft und fällt schliesslich vornüber. So kommt es in Krimis vor. Tatsächlich ist es nicht so: Die wenigsten Gifte strecken einen Menschen von einer Sekunde zur anderen nieder.

Klebstreifen

Letzte Woche wurde ein Doppelmörder vom Zürcher Obergericht zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt. Der Täter hatte kaltblütig zwei Leben ausgelöscht: Er klebte seinen Opfern Mund und Nase zu, sodass sie bei vollem Bewusstsein erstickten.

Ich denke, dass du deine Krimis weiterhin lesen willst, nachdem du diesen Beitrag gelesen hast. Vielleicht liest du deine Lieblingskrimis sogar noch einmal.

Warum Buch und Film nicht dasselbe sind

Schaust du Krimis oder liest du sie?

Die Leute lieben Krimis. Ein Blick auf die Bücher-Bestsellerlisten bestätigt dies. Insofern verwundert es nicht, dass rund ein Viertel der Fernsehsendungen Kriminalfilme sind, noch vor Komödien, Action- oder Liebesfilmen. Die Sender setzen wie die Buchverlage auf Krimis. Es wird fleissig gestorben. Die Zahl der Morde im Fernsehen übersteigt die realen um ein Vielfaches. Genauso wie diejenigen in Romanen.

Kriminalfilm oder Kriminalroman?

Was unterscheidet einen Kriminalfilm von einem Kriminalroman? Ein Kulturkämpfer und zwei Krimiautorinnen haben mir auf diese Frage spontan geantwortet. Schau dir das Video dazu an.

Jean-Pierre D’Alpaos

Kulturkämpfer

Christine

Bonvin

Krimiautorin

http://bonvinc.bonne-eau.ch/

Regine

Frei

Krimiautorin

https://www.reginefrei.ch/

Erfahre mehr im Video

Laufzeit: 5:14

Bilder

Film und Buch haben Gemeinsamkeiten. Beim Film nimmt der Zuschauer die Bilder so wahr, wie sie der Regisseur arrangiert hat, es sind bewegte Bilder. Beim Buch hingegen entstehen die Bilder im Kopf des Lesers. Bei jedem Leser sind sie anders. Bestimmt hast du auch schon einen verfilmten Roman angeschaut und warst enttäuscht.

Ich habe einen Krimi von Donna Leon gelesen. Später sah ich den Fernsehfilm dazu. Von Commissario Brunetti hatte ich mir beim Lesen ein Bild gemacht. Der Darsteller im Film entsprach überhaupt nicht meinem Bild von Brunetti.

Worum geht es in einem Krimi?

Es geht im Film wie im Roman um Kriminalgeschichten. Im Zentrum stehen zweifellos Schuld und Sühne. Es geht um das Böse im Menschen. Um menschliche Abgründe, um das Verderbte. Die Schattenseiten des Lebens. Die Regeln des Alltags sind auf den Kopf gestellt.

Herstellung

Für einen Roman braucht es nicht nur einen Schriftsteller und einen Verlag. Es braucht Lektoren, Korrektoren, die Druckereien usw. Für einen Film braucht es viel mehr Akteure: vom Regisseur, über den Drehbuchautor, die Schauspieler, Kameraleute, bis zum Cutter und viele mehr.

In einem gewissen Sinn ist ein Buchautor Regisseur und Drehbuchautor in einem.

Aufbau

Jeder Film, jeder Roman hat wie jede Geschichte eine Struktur. Sie hat sich – seit es Menschen gibt – bewährt. Sowohl Romane wie Videos arbeiten nach diesem Prinzip.

In einem Krimi setzt ein auslösendes Ereignis die Geschichte in Gang: Der Kommissar und seine Assistentin werden zum Tatort gerufen. Im Höhepunkt findet die entscheidende Auseinandersetzung zwischen dem Kommissar und dem Schurken statt. Im Film sind dann alle Waffen leergeschossen. Im letzten Teil gesteht der Täter. Er wird überführt.

Tempo

Durch die Sozialen Medien werden wir zur immer schnelleren Aufnahme von Eindrücken erzogen. Das zunehmende Tempo von Filmen bezahlen wir mit immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen. Ein Kriminalroman verlangt im Gegensatz dazu eine viel längere Aufmerksamkeit des Lesers.

Harte Schnitte – übergangslose Übergänge

Die Filmemacher haben den Zuschauern den harten Schnitt antrainiert. Dem tragen Krimiautoren längst Rechnung, wenn sie den übergangslosen Übergang wählen. Damit legen sie ein hohes Tempo vor und vermeiden beispielsweise langweilige Autofahrten vom Tatort zum Polizeiposten. Der Leser füllt die Leerstellen selbst.

Deine Meinung ist gefragt

Was meinst du zu diesem Thema? Ich bin gespannt, was du darüber denkst.

Mörderische Ideen

Jeden Tag Verbrechen

Im Fernsehen vergeht kein Wochentag ohne einen oder mehrere Krimis im Programm. Keine Stadt ohne fiktiven TV-Kommissar. Jeden Tag klären Krimis auf allen Kanälen innerhalb einer knappen Stunde einen Mordfall auf.

Ohne Krimi geht die Mimi nicht ins Bett …

So sang Bill Ramsey in einer Komödie 1962.  Dieser Ohrwurm kam mir in den Sinn, als ein Mann mir einmal erklärte, er habe schlaflose Nächte, weil seine Frau meinen Krimi lese.

Jedes vierte verkaufte Buch ist ein Krimi. In der Schweiz werden mehr Krimis geschrieben als Morde begangen werden. In den vergangenen zehn Jahren waren es rund siebzig Krimis pro Jahr. Und wegen mir war es noch einer mehr.

Ideen in meinem Kopf

Wie sind sie entstanden? Erfahre mehr im folgenden Video. Laufzeit: 5:31

Eine Tasche voller Krimis

Meine Schwester schenkte mir vor Jahren eine Tasche voller Kriminalromane. Die seien interessanter als historische Romane oder Liebesromane, sagte sie. Ich begann, die Krimis zu lesen. Sie faszinierten mich. Als ich den letzten gelesen hatte, schlug wie aus dem Nichts eine Idee in meinem Kopf zu: Ich will selber einen Krimi schreiben. Bei der Idee blieb es nicht. Und wie ging es weiter? Wie kam ich auf die mörderischen Verbrechen in meinem ersten Krimi?

Party

Außer im Winter schlafe ich bei offenem Fenster. Vor allem an Wochenende höre ich den Lärm der Partygänger auf dem nahen Stadtplatz. Hinter ihnen sind die Türen der Bars schon längst geschlossen worden. Auf den Stadtplätzen feiern sie weiter, dort grölen sie, schreien und werden handgreiflich. In meinem Schlafzimmer höre ich die Schreie und die dumpfen Schläge der Betrunkenen, die sich prügeln.

Leiche

Ich liege dann wach, und versuche mir vorzustellen, was dort vor sich geht. Was wäre, wenn einmal jemand totgeschlagen wird? Gäbe es Zeugen? Was würde der Schläger mit der Leiche machen? Sie in den Fluss werfen? Oder würde er die Leiche irgendwie sonst verschwinden lassen? In der Tiefkühltruhe des nahen Restaurants, wo sie irgendwann wieder zum Vorschein kommen würde? Wäre es ein Tötungsdelikt oder ein perfider Mord? Steinalpers erster Fall kam ins Rollen.

Demenz

Ich hatte mit Schreiben begonnen, da zeigte meine Mutter erste Anzeichen von Demenz.

Ich fand heraus, dass es kein Mittel gegen diese Krankheit des Vergessens gibt. Der Wunsch, es möge ein Medikament geben, um den Krankheitsprozess zu stoppen – eine Art Wundermedikament – wuchs in mir. In einem Buch wäre das möglich. Diese Idee verwob ich mit dem Toten in der Tiefkühltruhe zu meiner ersten Geschichte mit Kommissar Steinalper.

am Bettmersee

Die Idee für den zweiten Krimi kam mir beim Spazieren am Bettmersee. Es war ein wunderschöner Spätherbsttage, der vergiss-mein-nicht-blaue Himmel so nah, dass man in ihm wie in einem Meer zu versinken schien, wenn man länger hineinschaute. Mit der Kamera machte ich mich auf Entdeckungstour rund um den See.

Bootshaus

Meine Gedanken drehten sich um die hochalpine Natur um mich herum. Nichts weiter. Bis ich hinten beim Bootshaus ankam, da kribbelte es in meinem Kopf: Was würde wohl geschehen, wenn hier ein Toter im Wasser läge? Und ein Wolfspelz gleich mit? Ich wusste sofort: Das wird ein neuer Fall für meinen Kommissar Steinalper. Ob meine kriminelle Idee funktionieren konnte? Ich fragte Fachpersonen: Taucher, Förster, Jäger, Büchsenmacher, Bahndirektoren. Alle waren sie sehr hilfsbereit. Ihr Fachwissen brachte meine Story vorwärts. Ohne sie wäre mein Kriminalroman «Der Tote im Wolfspelz» so nicht möglich gewesen.

Sex sells?

«Sex sells» ist eine Redewendung aus der Werbebranche. Ein Produkt verkauft sich besser, die Umsätze sind höher, wenn es zusammen mit sexuellen Inhalten präsentiert wird. Gilt das ebenso für Krimis? Wer einen Krimi kauft, kauft ihn mit Sicherheit nicht wegen den darin enthaltenen Sex-Szenen, denn das ist die Domaine der Erotik-Romane.

Sex-Szenen im Krimi

Für meinen ersten Krimi habe ich eine Sexszene geschrieben. Das war nicht einfach. Ich dachte damals, das gehöre in einen Roman hinein. Die Worte flogen mir nicht von selbst zu. Welche Bezeichnungen sind angemessen, welche nicht? Und ähnliche Fragen wälzte ich hin und her.

Nach diesem „Vorspiel“ stand in einer ersten Version folgendes auf Papier zu lesen:

Steinalper erwachte langsam. Er spürte eine zärtliche Hand über seinen Oberkörper wandern. Die Hand bewegte sich auf sein steifes Glied zu, streichelte und rieb es, um plötzlich außerhalb seinem Schaft liegen zu bleiben. Enttäuscht reckte er sich ein wenig und öffnete die Augen. Seine Partnerin Lisa betrachtete ihn verschlafen, die Haare zerzaust, die Wangen noch gerötet vom Schlaf.

«Guten Morgen, könntest du nicht da weitermachen, wo du aufgehört hast? Es war so schön.»

Sie nickte, setzte ihr Streicheln und Lecken fort und drückte sich eng an ihn.

Er genoss ihre Berührungen. Plötzlich konnte er sich nicht mehr beherrschen.

«Bitte, Lisa, lass mich dich lieben, ich kann nicht mehr.»

Sie spreizte ihre Beine, um ihn willkommen zu heißen. Er legte sich auf sie und genoss das Gefühl, ihre Haut auf seiner eigenen zu spüren. Seine rechte Hand streichelte ihre Brüste, liebkoste sie eine nach der anderen. Sein Mund umschloss zuerst ihre rechte Brustwarze, dann die linke.

Auf einmal läutete sein Smartphone.

Das Video wurde sofort nach dem Hochladen tausendfach angeklickt. Vermutlich weil als Intro das sexy Paar auf dem Buch zu sehen war.  Oder weil im Titel das Wort Sex stand? Da sieht man, dass «Sex sells» eben doch stimmt. Ich habe das Intro geändert. Die Klickrate ging  massiv zurück. Laufzeit des Videos:  6:44

Sex-Sprache

Heute weiß ich: Es gibt keine geeignete Sprache für das, was beim Beischlaf abläuft, weder derbe Wörter noch medizinische Fachbegriffe sind angemessen. Und trotzdem ist es im Trend: Immer mehr Autoren beschreiben Sex explizit. Das liest sich eher wie sexuelle Turnübungen.

Sex beginnt im Kopf

Ich bin nicht prüde, aber Sexszenen sind von mir aus gesehen dem Text nicht zuträglich. Das habe ich gelernt. Sex bloß andeuten, das ist besser. Die Phantasie anregen ja. Wenn wir ein Paar beim Sex beobachten, sehen wir es nicht wie Tierchen unterm Mikroskop. Nein, wir fühlen uns in sie hinein. Unser Blut gerät in Wallung. So sind wir Menschen. Wir denken nicht nur an Fortpflanzung.

Und hier die definitive Version aus Band eins:

Edgar Steinalper erwachte langsam. Er spürte eine zärtliche Hand über seinen Oberkörper wandern. Die Hand bewegte sich tiefer. Er reckte sich ein wenig und öffnete die Augen. Seine Lebenspartnerin Lisa schaute ihn aus verschlafenen Augen an, die Haar zerzaust, die Wangen noch gerötet vom Schlaf.

«Guten Morgen.»

Sie gähnte und setzte ihr Streicheln fort. Er genoss ihre wohltuende Nähe. Eine vorwitzige Strähne ihres schwarzen Haares kitzelte ihn an der Nase.

Das zärtliche Spiel wurde abrupt abgebrochen, als sein Handy läutete.

Welche Version gefällt dir besser?

Die Meinung von Autoren

Ich habe drei Autoren und eine Autorin gefragt: Was denkst du über Sex in Romanen, im Speziellen in Krimis?

Anton Riva

«Wer etwas über Sex lesen will, kauft sicher nicht einen Kriminalroman.»

Conny Giammarresi

«Ich bin da sehr offen. Wir haben alle Sex, aber niemand will darüber reden.»

Charles-Louis Joris

«Das gehört alles dazu. Wegen Sex geschehen viele Verbrechen.»

Nicolas Eyer

«Das hängt von der Story ab. Ich würde es nicht als Verkaufsargument in meine Stories einflechten.»

Am Ende unseres Lebens haben wir im Schnitt 48 Tage lang Beischlaf mit allem Drum und Dran gehabt. Das ist fast schon eine homöopathische Dosis bei einer Lebenserwartung von 81,5 Jahren (Männer) und 85,3 Jahren (Frauen). Soll ein Roman eine Prise in derselben Dosierung enthalten? Was meinst du?

Der erste Satz

Es war einmal …

So beginnen die Märchen der Gebrüder Grimm, auch wenn nur knapp die Hälfte tatsächlich mit diesen Worten anfangen. Das ist zwar nicht sehr originell, aber dafür jedem bekannt. Kein Roman beginnt heute auf diese Weise. Du würdest das Buch nicht ernst neben und sofort wieder weglegen, ein Märchen willst du bestimmt nicht. Nein, du willst dich mit einem Buch vom Alltagsgrau ablenken, in eine andere Welt eintauchen, dich spannend unterhalten.

Der erste Satz aus vier verschiedenen Werken, von Autoren vorgelesen.

Und wie die Geschichte weitergeht.

Laufzeit 6:07

Der erste Satz

Das Besondere am ersten Satz ist, dass er am Anfang steht. Für die Leserinnen und Leser geht es mit dem ersten Satz los. Sie fragen sich, ob die Geschichte erzählenswert ist, ob sie das Buch kaufen sollen oder nicht. Mit dem ersten Satz will eine Autorin, ein Autor die Leser fesseln und zur Lektüre verführen. Eine Autorin muss den Satz so schreiben, dass, wer immer ihn liest, auch den zweiten lesen will. Und dann den dritten …

Inkubationszeit

Dem ersten Satz gehen manchmal Monate der Inkubationszeit und zahllose Fehlversuche voraus.

Die Initialzündung kann wie ein Blitz einschlagen wie bei mir einmal beim Joggen. Aus heiterem Himmel flogen mir die ersten Worte für meinen zweiten Krimi zu:

«Vorsichtig trat sie aus dem Gebüsch, bückte sich leicht, legte an und drückte ab.»

Bis dahin habe ich verschiedene Versionen ausprobiert, die mich nicht überzeugt haben.

Erwartungen

Was erwarten Leser von der Geschichte, wenn sie diesen Satz lesen? Dazu habe ich drei Autoren und eine Autorin interviewt, die meinen zweiten Krimi noch nicht gelesen haben. Sie bekamen nur den ersten Satz zu Gesicht. Den habe ich auf einem separaten Blatt ins Buch hineingelegt.

Der erste Satz aus drei verschiedenen Werken

Drei Autoren lesen den ersten Satz aus einem ihrer Werke vor, und erzählen, wie es mit der Geschichte weitergeht.

Eyer Nicolas liest den ersten Satz aus seinem neuesten Buch: «Hinter den Rändern der Welt»

Anton Riva liest aus seinem Kriminalroman «Dreiecke auf der Haut»

Conny Giammarresi hatte ihr Buch leider nicht dabei. Schade. «In meinem Wunderland»

Charles-Louis Joris liest die kriminelle Geschichte «Der Göttigbub» aus dem Buch «Tatort Schweiz»

Bloggerin & visuelle Autorin

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