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Ferienliebe

Eine wahre Liebesgeschichte

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Susi zog ihr T-Shirt aus, danach auch die Shorts. Das Häufchen Stoff zu ihren Füssen, reckte sie die Arme hoch, um die leichte Brise, die vom Meer her wehte, in ihren verschwitzten Achselhöhlen zu spüren. Viel Abkühlung brachte das nicht. Nur noch mit ihrem Bikini bekleidet bückte sie sich, packte Shirt und Shorts und warf beides auf das Mäuerchen, das die Straße vom Vorplatz des Centre Professionell de la Plongée, der Tauschschule, trennte, rannte zum Absperrhahn der Berieselungsanlage, zog den Schlauch von ihm herunter und drehte den Hahn voll auf. Heiß floss das Nass über die Finger ihrer linken Hand, verbrannte ihr beinahe die Haut.

Wasser!

Sie wartete ein paar Minuten, bis kühleres Wasser aus der Leitung floss, reckte ihren Körper unter den Strahl, mal hin, mal her, ließ das Nass über ihr blondes Haar laufen. Wie gut sich das anfühlte.

Konnte sie das Bikini-Oberteil auch ausziehen? Ein Blick zu den Fenstern der Büros des Tauchzentrums bestätigte ihr, dass niemand sie beobachtete. Vermutlich waren alle mit ihren Booten weit weg auf Tauchgang.

Doch da! Aus dem Augenwinkel nahm sie einen Schatten hinter einem der Fenster wahr, der sich bewegte. Beobachtet jemand ihr Tun? Besser, sie beeilte sich. Sie wollte keinen Ärger bekommen. Rasch zerrte sie das klatschnasse T-Shirt und die Shorts wieder über ihren nassen Körper, packte ihre Strandtasche und lief weg.

Der Taucher

Sie sah nicht, wie ein Mann zum Absperrhahn rannte, ihn zudrehte und ihr nachblickte, bis sie hinter der nächsten Straßenecke verschwand. Sein Blick schweifte zum Mäuerchen, wo etwas Metallenes die gleißende Mittagssonne reflektierte. Es musste aus der Tasche der Frau gefallen sein. Er ging hin, bückte sich und hob das Gerät hoch. Ein Kabel mit Ohrhörern baumelte am Gerät. Durch den durchsichtigen Plastik-Deckel war eine Musikkassette zu sehen.

Disco

Abends tanzte Susi lustlos in der Disco des Hotels Bel Azur, einen Gin Tonic in der Hand. Das war ihr letzter Abend, die Ferien vorbei. Verstohlen musterte sie die Tanzenden. Sechs von ihnen hatte sie vor fünf Tagen kennengelernt. Alle waren ganz nett und lustig. Zusammen hatten sie viel Spaß gehabt. Eric aus Genf tanzte mit Anegret aus Schweden, strich ihr unaufhörlich über ihren beachtlichen Hintern. Michèle aus Paris flirtete mit dem Clubleiter: dicker Schnauz, kohlrabenschwarze volle Haare, kurze Beine, Bauchansatz. Fand Michèle den wirklich sexy? An der Bar saß Gerlinde aus Dortmund und stierte den Barkeeper aus trägen Augen an, erst vor einer Woche hatte sie ihren Mann verloren. Milena aus Mailand tanzte, in sich selbst verliebt, vor dem seitlichen Spiegel der Tanzfläche. Viktoria aus Wien war auf Toilette, vermutlich zog sie dort eine Linie Koks rein. Verdrossen ließ Susi ihre Affären Revue passieren: Keine Beziehung hatte lange gehalten.

Discjockey

Ihr Blick glitt zum Discjockey. Hatte er außer schmalzigen Pop-Songs auch was Modernes im Repertoire, wie z.B. von Michael Jackson? Sollte sie zu ihm gehen und schauen, ob er ihr einen Wunsch erfüllen würde? Sein Hawaii-Hemd war so gar nicht nach ihrem Geschmack. Ihr Blick glitt zu den Goldketten um seinen Hals. Sie rümpfte die Nase. Ihr Glas war leer. Sie lief zur Bar und bestellte sich einen neuen Gin Tonic.

Der Song war zu Ende. Die ersten Takte des nächsten Lieds waren zu hören. Sie kannte die Melodie, bevor der Gesang einsetzte: „It’s close to midnight“, sang Michael Jackson. Eines der Lieder auf ihrer Lieblingskassette!

Traummann

Sie dankte dem Barkeeper und drehte sich zur Tanzfläche um. Und dann sah sie IHN. Sein T-Shirt saß so eng, dass man sein Sixpack deutlich erkennen konnte, schwarze Wuschelhaare mit von der Sonne gebleichten Strähnen, bronzefarbene Haut, Lippen zum Küssen schön, bernsteinfarbene Augen. Er sah verdammt gut aus. Ihr Traummann!

Mit hochgestrecktem Arm bedeutete er ihr, sie solle zu ihm auf die Tanzfläche kommen. Beinahe hätte sie ihren Gin Toni fallen lassen. Sie wagte kaum zu atmen. Mit weichen Knien lief sie zu ihm.

Amir

«Je suis Amir.» Seine Stimme klang tief und einschmeichelnd. «Danse avec moi, ma belle.»

Sie musste lachen. Seiner Einladung konnte sie nicht widerstehen. Wie in Trance schmiegte sie sich an ihn, überliess sich seiner Führung. Tief sog sie seinen Duft ein. Er roch nach Meer.

Als der Song zu Ende war, blieben sie und Amir eng umschlungen stehen.

«Vien», sagte er und fasste sie bei der Hand. Draussen nahm er sie in den Arm und küsste sie. Sie fand es wunderschön.

«Vien. Je connais un endroit, ou nous sommes seul.» Ich kenne einen Ort, wo wir allein sind.

Amphitheater

Der Mond hing zwischen den funkelnden Sternen und leuchtete ihnen den Weg. Amir führte sie zum Amphitheater des Hotels, wo die abendlichen Shows für die Hotelgäste aufgeführt wurden. Sie schritten die Stufen bis zur Bühne hinunter, blieben dort stehen. Amir schob den Vorhang zur Seite. Im Halbdunkel konnte sie kaum etwas sehen. Mit einem Feuerzeug aus seiner Hosentasche zündete er eine Kerze an, die er irgendwo gefunden hatte.

Wie Verdurstende fielen sie übereinander her. Seine Haut schmeckte tatsächlich nach Meerwasser. Sie genoss seine Hände auf ihrer Haut. Sie war verloren.

Etwas später

«Ich habe dich vor zwei Tagen schon einmal gesehen», hauchte er an ihrem Ohr.

«Wo denn?», flüsterte sie.

«Vor der Tauchschule. Du hast dich beinahe nackt vor dem Büro des Direktors unter dem Wasserstrahl abgekühlt.»

«Du hast mich gesehen?»

Er nickte und lächelte schalkhaft.

«Hat mich sonst noch jemand gesehen ausser dir?»

Wieder nickte er und grinste. «Der Direktor. Er sagte zu mir, es sei eine Schande, dass sich eine Frau so obszön auf dem Areal seiner Schule aufführe.»

«Die Hitze. Ich hielt es nicht mehr aus. Männer laufen doch auch mit nacktem Oberkörper rum. Jedenfalls bei uns zuhause.»

«Hier bei uns nicht. Du bist hier in einem Land, wo sich Frauen noch bis vor wenigen Jahren verschleiern mussten.»

«Was hast du von mir gedacht, als du mich halbnackt vor der Tauchschule gesehen hast?»

«Ich dachte nur: Das gibt Ärger. Der Direktor ist nämlich ein strenger Moslem. Er sagte zu mir: ’Schick sie weg. Aber schnell. Bevor ich die Polizei rufe.’»

Sie verdrehte die Augen. Verstehe einer diese Araber. Prüde sind sie sicher nicht immer.

Amir nahm sie wieder in seine Arme, küsste sie zärtlich. Wieder liebkoste er sie am ganzen Körper. «Encore une fois», vernahm sie seine erotische Stimme, noch einmal.

Vier Stunden später

Sie hatte keine Sekunde geschlafen, endlos lange an die Decke gestarrt, in Gedanken an Amir, und was sie miteinander geteilt hatten. Das hatte ihr noch gefehlt: Sie hatte Liebeskummer. Endlich hatte sie ihren Traummann gefunden und schon war er wieder weg.

Das Taxi zum Flughafen holte sie morgens um fünf ab. Die ersten Vögel pfiffen schon. Noch trunken von ihrer Liebesnacht hatte sie während der stundenlangen Fahrt vom Hotel Bel Azur zum Flughafen von Tunis nicht schlafen können.

Enttäuschung

Im Flugzeug sah sie, wie das Festland immer kleiner wurde und schliesslich dem offenen Meer wich. Die Distanz zu Amir immer grösser. Eine Träne kullerte aus ihrem Augenwinkel über die Schläfe und rann auf ihre Bluse. Sie hatte nur eine einzige Nacht mit ihm gehabt. Würde Sie ihn je wiedersehen? Bei dem Gedanken fiel ihr ein: Sie hatte seine Adresse nicht und er hatte die ihre auch nicht. Warum hatte sie nicht daran gedacht?

Walkman

Nachdenklich schaute sie auf ihren Walkman, in dem ihre liebste Musikkassette steckte. Auf einmal stutzte sie und schaute  genauer hin. Es war nicht ihre Thriller-Kassette von Michael Jackson. Aber was war es dann für eine Kassette? Sie öffnete das Kassettendach des Walkmans. Das war keine Kassette, die sie  in die Ferien mitgenommen hatte. Die Schrift darauf war eindeutig arabisch. Arabische Lieder? Sie drückte auf die Play-Taste. Nein, es war keine arabische Musik. Überhaupt keine Musik. Die Spulen im Gehäuse der Kassette klemmten, spielten das Magnetband, das auf ihnen aufgewickelt war, gar nicht ab.

Nachricht

Sie klaubte die Kassette heraus, um zu schauen, wo das Problem lag.  Als sie das kleine zusammengefaltete Zettelchen dahinter entdeckte, schlug ihr Herz schneller: ein Fahrschein!  Ihre Hände zitterten, als sie   das Busticket umdrehte: «Susi, je t’aime, mon amour. Ich habe vom Bel Azur deine Adresse bekommen. Ich werde dich besuchen. Bald.»

Wahr oder nicht?

Die Geschichte hat sich im Sommer 1983 genauso abgespielt. 😊