Mausi & Ruben

ein Weihnachtsmärchen

Es war wie immer am Freitag, und wie immer stieg er nach der Schule die verzogenen Stufen zur Wohnung seiner Uhrgrossmutter im alten Walliser Haus hoch. Wenn er ausatmete, bildete sich eine kleine, weisse Wolke vor seinem Gesicht, die kurz schwebte und dann verschwand. Schon vor der Wohnungstür roch es nach Plätzchen, süss und warm. Er freute sich auf warme Ovomaltine, Biskuits und darauf, Mausi zu streicheln. Von ihrem Kopf über den weissen Hals und weiter über das flauschige, schwarze Fell am Rücken zu fahren.

Wo ist Mausi?

«Ruben? Bist du’s», rief seine Urgrossmutter mit ihrer ein bisschen zittrigen Stimme.

Sie sass in ihrem Lieblingssessel, ein Wolltuch über den Knien.

«Hallo, Gotti, hier bin ich!» Er grinste und stellte den Einkaufskorb ab. «Wo ist Mausi?»

Sie sah kurz zum Holzstuhl, auf dem die Katze gewöhnlich ihr Nickerchen hielt. «Heute habe ich sie gar nicht gesehen.»

Er stellte sich vor, wie Mausi die ganze Nacht draussen auf der Suche nach Mäusen war. Bestimmt war sie müde und irgendwo dort draussen eingeschlafen.

«Vielleicht hat sie sich in der Scheune einen warmen Platz gesucht. Katzen finden überall ein Versteck», meinte Gotti.

Ruben runzelte die Stirn. Mausi war sonst immer da, wenn er am Freitag kam, lief schnurrend um seine Beine. «Oder auf dem Holzstapel hinter dem Haus. Katzen mögen solche Plätze.»

Sie nickte langsam.

«Ich schau mal kurz.»

Im Schlafzimmer? Nichts. In der Küche? Keine Spur. Mausis Fressnapf unberührt. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seinem Bauch aus.

«Ich sehe mich mal draussen um, vielleicht finde ich sie», sagte Ruben, zog sich die Jacke an und spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Rubens Suche

Vor dem Haus rief er ‘Mausi’. Lauschte. Kein Miauen. Selbst unter den Autos auf dem nahen Dorfplatz suchte er. Dann sah er etwas Weisses im Schein der Strassenlampen ganz still, unter einem der Autos liegen.

«Mausi?»

Er ging näher. Das Gesicht zum grössten Teil schwarz, rund um die Nase und Maul verlief ein weisses Feld, das sich bis zur Brust und zum Bauch fortsetzte. Die Vorderpfoten ebenfalls weiss. Das war eindeutig Mausi. Sie lag im Schatten des Reifens. Warum hatte sie sich dort verkrochen?

Der Boden war kalt und feucht. Trotzdem legte er sich auf den Bauch. Seine Jacke wurde schmutzig, doch das war ihm egal. Er streckte den Arm weit unter das Auto, bis er ihr weiches Fell berührte, sonst warm und lebendig, jetzt eisigkalt. Er schluckte. Tränen stiegen ihm in die Augen, aber er riss sich zusammen. Langsam und vorsichtig zog er Mausi näher. Ihr Körper war schwerer, als er erwartet hatte. Er zog die Katze heraus, setzte sich mit ihr im Arm auf den harten Parkplatzboden und weinte. Nach einer Weile wischte er sich über die Augen und stand auf.

Kurz darauf stand er wieder im Wohnzimmer der Urgrossmutter.

«Du hast sie gefunden», flüsterte sie mit brüchiger Stimme. «Danke, mein Junge.» Er setzte sich in einen Stuhl neben sie und nahm ihre Hand. Eine Weile sagten sie beide nichts. 

«Ich nehme Mausi mit. Ich bringe sie zum Tierarzt.»

«Ein Tierarzt?» Sie schüttelte leise den Kopf. «Nein, Ruben … ein Tierarzt kann ihr nicht mehr helfen. Sie ist schon tot.»

Rubens Idee

Am Abend, als Ruben in seinem Zimmer sass und ein paar Bilder von Mausi auf seinem Handy anschaute, kam ihm ein verrückter Gedanke, der ihn nicht mehr losliess.

Am nächsten Morgen klopfte er bei Onkel Urban an, der passionierter Jäger war, und bat ihn mit zittriger Stimme, das Fell der Katze abzuziehen, zu gerben und zu konservieren. Als Erinnerung an Mausi. Für Gotti, die Urgrossmutter.

Anschliessend besuchte er seine Schwester Lena in ihrem improvisierten Techniklabor. Überall lagen Kabel, Motoren, winzige Gelenke, Platinen und kleine Kameras herum. Lena machte die Ausbildung zur Informatikerin, konnte alles Mögliche programmieren. Sie hatte schon Drohnen gebaut, kleine Roboter und sogar ein Modellauto, das zu ihm zurückfuhr, wenn er ‘Komm!’ sagte. 

«Du siehst traurig aus», sagte sie, ohne aufzuschauen.

«Bin ich auch», antwortete Ruben. Er blieb stehen, die Hände in den Jackentaschen. Sein Blick glitt über den Bildschirm, wo Code, Zeile für Zeile flackerten.

Sie drehte sich zu ihm um. «Also? Warum kommst du zu mir?»

«Ich habe eine Idee.»

«Das habe ich mir gedacht.»

Er sah an die Decke, als suche er dort die richtigen Worte. Dann sagte er es ihr. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. «Das ist machbar», sagte sie. «Nicht einfach. Aber ich mache es.»

 

Lena arbeitete tagelang. Manchmal durfte Ruben helfen.

Jeder Besuch bei seiner Urgrossmutter fühlte sich nach Mausis Tod anders an. Ovomaltine und Plätzchen schmeckten zwar noch gleich. Aber etwas Entscheidendes fehlte. Ihre Blicke schweiften immer wieder zum Holzstuhl, auf dem Mausi früher auf einem Häkelkissen gelegen hatte.

Rubens Geschenk

Einen Tag vor Heiligabend war es so weit. Lena hatte ihn über eine WhatsApp-Nachricht in ihr Labor gerufen. Mit grossen Augen sah er, wie die Roboterkatze den Kopf hob, mit weichen LED-Augen blinzelte und ein leises ‘Miau’ ausstiess. Ruben bekam Gänsehaut. Er war enttäuscht. Nichts erinnerte an ein echtes Tier. Wie konnte man die Roboterkatze natürlicher wirken lassen? Er zerbrach sich den Kopf, bis ihm schliesslich eine Lösung einfiel: mit echtem Fell. Mit dem Fell von Mausi. Das war schwarz-weiss, weich und glänzend. An der Brust, im Gesicht und am Bauch verliefen weisse Stellen, wie frischer Schnee. Wenn der Roboter das Fell der Katze trug, würde er beinahe wie Mausi aussehen. Er holte den alten Schuhkarton mit Mausis gegerbten Fell, den er in seinem Schrank versteckt hatte.

Lena legte vorsichtig das Katzenfell über das Robotertier und befestigte es so, dass es aussah, als wäre Mausi … einfach da. Steifer zwar, aber perfekt, und vertraut.

Eine Stunde später stellte Ruben einen geflochtenen Katzenkorb rund wie eine kleine Höhle und mit einem Gittertürchen vorne auf den Tisch im Wohnzimmer der Urgrossmutter. Sie lächelte. Vorsichtig öffnete sie das Gitter, hielt einen Moment inne.

«Mausi?», flüsterte sie staunend. «Ach, Ruben … wie schön.» Ihre Augen glänzten. Langsam streckte sie die Hand aus und berührte vorsichtig das schwarz-weisse Fell.

Ein Summen ertönte. Die Roboterkatze hob langsam den Kopf, setzte sich auf, schob sich aus dem Korb und streckte ihre mechanischen Pfoten.

Gotti lachte. Ein warmes Lachen, das er lange nicht mehr gehört hatte. Sie streichelte das Fell, Mausis Fell, und schloss die Augen.

«Was für ein Wunder.»

Es war nicht wirklich Mausi. Aber es fühlte sich richtig an. Er hatte Gotti glücklich gemacht. Und dieses Gefühl war wie ein kleines, warmes Licht in seinem Herzen

Diese Geschichte ist meiner Mutter und meiner Grossmutter gewidmet. Mausi hiess die Katze meiner Mutter. Für Grossmutter, die wir 'Gotti' nannten, habe ich als Jugendliche die Einkäufe erledigt.

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