Das blonde Mädchen von der Tankstelle

Ich wollte einen Busen haben wie meine Freundin Eliane. Sie trug schon einen Büstenhalter, nur bei mir tat sich nichts. Meine Brust war flach wie ein Brett.

Am Tag von Heiligabend stöberte ich in Mutters Kommode und fand einen hautfarbenen Büstenhalter. Ich zog ihn an und stopfte ein paar Stofftaschentücher in die leeren Schalen. Als ich mich von der Seite her im Spiegel betrachtete, sah ich eine kurvenreiche Frau. Mich!

Wir hatten eine kleine Tankstelle mit zwei Zapfsäulen von BP, eine für Benzin, eine für Diesel. Es war hauptsächlich Mutter, die den Leuten die Autos betankte. Bei jedem Wetter, zu jeder Zeit, rannte sie die Treppe von unserer Wohnung hinunter zur Tankstelle. Meist reinigte sie , während das Benzin in den Tank strömte, die Scheiben der Autos. Mit den Jahren zeigten ihre Hände immer mehr Risse und Schrunden, doch sie klagte nie. Wenn ich nicht zu faul war, entlastete ich sie ein wenig und lief an ihrer Stelle hinunter zu den Zapfsäulen. Oft lernte ich dabei interessante Männer kennen, die mit mir flirteten. Natürlich bediente ich auch die Damen, versteht sich.

An jenem Heiligabend, ich war schon zwölf, klingelte die Glocke von der Tankstelle unten. Und schon begann der übliche Streit, wer denn jetzt vom Tisch aufstand, die Pommes kalt werden lässt und womöglich kein geschnittenes Rindfleisch mehr bekommt. Seufzend opferte ich mich und lief die Treppe hinunter. Unten stand ein junger Mann mit schwarzem kinnlangem Haar. Er sah aus wie der Mann meiner Träume, wie der Prinz im Film «Drei Nüsse für Aschenbrödel». Ohne Busen fühlte ich mich wie ein Aschenbrödel. Aber jetzt hatte ich ja einen Busen, geformt vom Büstenhalter meiner Mutter und den Taschentüchern, sah es aus, als hätte ich einen.

Während ich seinem Wagen Benzin nachfüllte, konnte ich ihn in aller Ruhe anschauen. Mir klopfte das Herz bis zum Hals. Als ich das Geld einkassierte, kam er mir ganz nahe. Ich roch sein Aftershave. Er neigte sich zu meinem Mund, gleichzeitig bewegte sich seine rechte Hand auf meinen Busen, drückte ihn, liess ihn aber sofort wieder los, als er merkte, dass da garkeiner war. Mit einem unterdrückten Schrei rannte ich weg von ihm. Aus meinem Versteck sah ich, wie er in den Wagen stieg und losfuhr. Meine Enttäuschung war enorm. Endlich hätte ich nicht mehr zum Klub der Ungeküssten gehört.

Niedergeschlagen zog ich Mutters BH aus und legte ihn zusammen mit den Taschentüchern zurück in ihre Kommode.

Zwei Tage später klingelte der Postbote und brachte ein längliches Paket. Als Mutter die Empfängeradresse las, lachte sie laut auf.

An das blonde Mädchen von der Tankstelle

Sie hatte zwei blonde Töchter. Doch ihr war sofort klar, welche von beiden gemeint war. Meine Schwester Sabine war erst sechs und war noch zu klein, um als Tankwartin eingesetzt zu werden. Mutter brachte mir das Paket und blieb neben mir stehen. Auf keinen Fall wollte sie sich entgehen lassen, was der Unbekannte mir schickte.

Ich zögerte eine Weile, wartete darauf, dass ich mein Paket ohne sie öffnen konnte, denn ich hatte keine Ahnung, was der Absender hineinverpackt hatte und es war möglich, dass der Inhalt mich in Verlegenheit bringen konnte oder dass sich daraus der Absender erraten liess.

Meine Wangen wurden rot und röter. Mutter wich immer noch nicht von meiner Seite. Mir blieb nichts anderes übrig, als das Paket zu öffnen. Mit zitternden Fingern riss ich das Packpapier auf und öffnete den Deckel der Schachtel. Ein roter Büstenhalter auf schwarzem Seidenpapier lag darin und  auf einem roten Kärtchen war zu lesen: Cup A = für das blonde Girl vom Heiligabend.

 

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